Wer kennt und hat sie
nicht - den bzw. die "schwierigen Patienten". Ein Urteil
begleitet von Ohnmacht gegenüber dem beklagten Leiden und einer
aufgestauten Spannung im Arzt-Patienten-Verhältnis. Wie schon
Jahrzehnte beschrieben, liegt jedoch oft die Lösung nicht in
der" handwerklichen Kunst" sondern vielmehr im Erkennen
tiefer liegenderer Ursachen.
Jahrelang war kein Buch
zur Psychosomatik in der der Zahnmedizin am deutschen Markt erhältlich.
Letzte Ausgaben von Marxkors & Körber zur "Psychagogik
und Psychosomatik" in einem kleinen Kompaktformat vergriffen.
Auch in keinem Angebot der führenden Verlage findet sich etwas
zu diesem doch allgegenwärtigen Thema.
Der Schattauer Verlag
mit den zwei Herausgeber sowie 12 weiteren Autoren haben es geschafft.
Über die Expertise und den Hintergrund der Autoren zu referieren
würde den Rahmen der Rezession sprengen, daher speche das Ergebnis
für sie. Das vorliegende Werk ist, das darf man an dieser Stelle
schon sagen: eine herausragende Leistung!
Das man als ZahnArzt
psychische Erkrankungen erkennen muss ist in der Rechtssprechung
unstreitig. Das es in der Ausbildung von Zahnmedizinern enorme Defizite
dahingehend gibt gleichwohl. Daher setzt das Buch bei der Vermittlung
von Grundlagen an. Grundzüge des bio-psychosozialen Krankheitsverständnisses
verknüpfen somatische und sozio-psychologische Aspekte und
schlagen den Kreis zur psycho-somatische Medizin. Die häufigsten
Krankheitsbilder (Stichwort: Depression, Persönlichkeitsstörungen)
werden in Ätiologie und Symptomatik dargestellt. Es schließt
sich die Neurologie an, um Symptome dieser Erkrankungen im Kopf-Gesichtsbereich
nebst Ursache und Untersuchung gleichwohl kennenzulernen. Spätestens
hier zeigt sich, das Psychosomatik nicht nur Gespräch und "Psychokram"
ist. Fundiertes Wissen in Anatomie, Neurologie sowie Innerer Medizin
sind unerlässlich um erfolgreich diagnostizieren und intervenieren
zu können.
Die Anamnese stellt neben
der körperlichen / zahnärztlichen Untersuchung dabei eine
Schlüsselposition dar- Im Abschnitt für die Praxis befindet
sich ein umfangreiches Kapitel zur Gesprächstechnik. Ohne Kenntniss
der speziellen Krankheitsbilder, kann man aber auch hier nicht erfolgreich
sein. Daher ist fast ein Drittel des Buches diesen gewidmet. Einige
Stichworte hieraus sind: CMD, atypischer Gesichtsschmerz, Zungenbrennen,
Prothesenunverträglichkeit.
Bei allem Erfolg ist
mit der Verdachtsdiagnose jedoch weder Patient noch Zahnarzt geholfen.
Daher werden neben forensischen Aspekten auch Einblicke in die Intervention,
mögliche psychotherapeutische und psychosomatische Therapieformen
gegeben. Die Kenntnis dieser ist Teil der Intervention und Edukation
des Patienten. Fehler in der Vermittlung einer psychosomatischen
Komponente können Vertrauensverlust (Stichwort: "Psychoschiene")
aber auch Ausschlagen einer u.U. "lebensnotwendigen" weiterführenden
Diagnostik (Stichwort: Suizid) sein. Jedes richtig geführte
Gespräch stellt schon eine Therapie dar. Weiterführende
medikamentöse und "dental/oralen" Therapien sind
selbstredend auch aufgeführt.
Die Intervention und
Arbeit mit Patienten dieses Formenkreises ist keine einfache und
momentan auch durch Krankenkassen nicht entsprechende gewürdigt.
Aber sie ist notwendig und kann bei Kenntniss frühzeitig Verärgerung
und Enttäuschung vorbeugen, gar Leben retten. Jeder Leser wird
bei Lektüre des Buches eigene Patienten und Erfahrungen wiederentdecken
und sicher danach anders auf diese und neue schauen.
Der Preis ist ein Geschenk
für all das wunderbar aufbereitete und vermittelte Wissen.
Studierenden kann es schon begleitend zum Physikum empfohlen werden,
da hier die Tragweite der erlernten Grundlagen sichtbar werden.
Im Bereich Schmerztherapie und CMD tätigen Zahnärzten
muß es sicher nicht gesondert empfohlen - jedem allgemeinzahnärztlich
tätigen Kollegen aber mit bestem Gewissen und Nachdruck nahe
gelegt werden.
Schade, daß es fast keine farbigen Abbildungen gibt und nur
in schwarz-weiss-grauem Satz gehalten ist. Die Schemata und Flussdiagramme
verdeutllichen jedoch Zusammenhänge von Textpassagen. Zusammen
mit der Gliederung erhält das Lehrbuch auch Fortbestand als
Nachschlagewerk.
Viel Freude und "neue"
Erkentnisse garantiere ich allen Lesern und danke den Autoren für
die meinigen!
HUETTIG,
FABIAN; rating: *****
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